Die heilende Beziehung (von David Rotter)

Eine Beziehung von zwei bewussten Menschen, denen all dies (Projektionen und andere Wahrnehmungsstörungen) klar ist, birgt ein immenses Potenzial zur Heilung. Aber sie verlangt mehr von uns, als es auf den ersten Blick scheint.

Die grundsätzliche Illusion der Sicherheit, einer der Hauptgründe, warum wir Beziehungen überhaupt so sehr brauchen, hat keinen Platz in einer heilenden Beziehung. Loyalität, Freundschaft, Verlässlichkeit – all dies ja, aber keine Illusionen mehr, mit all ihren Besitzansprüchen, den Kontrollbedürfnissen und der gegenseitigen Sabotage. Heilung kann nur geschehen in einem Raum von Freiheit, in dem jeder authentisch sein darf, wer er oder sie ist. So selbstverständlich das in der Theorie klingen mag, so schwierig ist es oft zu leben. Und bei Freiheit geht es hier nicht um freie Liebe und wahllosen Sex, sondern darum, den anderen in keiner Weise kontrollieren zu wollen, ihm den Raum zur Entfaltung zu geben, ihn blühen zu lassen. Darum, jede Sekunde die Entscheidung füreinander neu zu treffen.

Eine heilende Beziehung verlangt von beiden Partnern vollständige Bewusstheit über Projektionen und ein ständiges Hinterfragen. Sie beinhaltet die Verabredung, immer zuerst bei sich selbst zu schauen – vor allem dann, wenn es am meisten weh tut. Sie verlangt von beiden, dass der andere gehalten werden kann, wenn er in Projektionen versinkt – eine Aufgabe die große Integrität und Sensibilität erfordert, denn oft sind die Projektionen mit sehr viel Emotion aufgeladen. Beide Partner müssen den jeweils anderen vollständig als Therapeut und Lehrer anerkennen, müssen es lernen zuzugeben, wenn sie projizieren und bereit sein, Hilfe von ausgerechnet der Person anzunehmen auf die sie eigentlich projizieren. Totaler Respekt, tiefes Mitgefühl und bedingungsloses Vertrauen sind dafür Voraussetzung. Machtspielchen haben hier keinen Platz, Schwäche und Stärke, Rechthaben und Schuld sind Konzepte, die in einer solchen Beziehung ihre Bedeutung mehr und mehr verlieren.

Die heilende Beziehung erfordert von uns die Kraft und den Mut, hunderte, vielleicht tausende Male über unseren Schatten zu springen. Den Raum und das Herz immer und immer wieder zu öffnen, selbst wenn in uns starke Emotionen wirken und alles in uns nur weglaufen und sich verschließen möchte. Wir lernen, Schwäche und Irrtum zuzugeben, uns mit dem Schmerz zu zeigen, hierzubleiben, alles hineinzulegen in das Feld des Vertrauens, dass wir mit dem Partner kreieren. Und wir lernen auch uns nicht mehr selbst zu beschränken, unsere Stärke bedingungslos zu leben, unsere Wahrheit zu sprechen. Wenn das gelingt, geschehen Wunder.

Vagus-Ohrmassage zur Selbstregulation

Im Folgenden möchte ich eine weitere tolle Übung zur Selbstregulation mit dir teilen – es handelt sich um eine Ohrmassage, durch die der ventrale Vagus, ein Teil des Parasympathikus, stimuliert wird. Durch Aktivierung des Parasympathikus (ein Teil unseres vegetativen oder autonomen Nervensystems) kannst du aktiv zum Abbau von Stresshormonen beitragen und förderst eine ,,Verdauung von Erlebtem im Körper und im Geiste“, also Integration. Dieser Zweig des Nervensystems wird auch bei gelingender Co-Regulation adressiert, denn er ist für soziale Interaktion zuständig (s. auch hier meinen Artikel zu den Grundlagen von Co- und Selbstregulation).

Auf körperlicher Ebene kommt es dadurch unter anderem zu einem Abfall des Blutdrucks und der Herzfrequenz – Regeneration und Erholung werden gefördert.

Die Übung eignet sich auch besonders bei Einschlafschwierigkeiten oder wenn du zu Spannungskopfschmerzen neigst.

Bevor du beginnst kannst du einmal prüfen in welchem Zustand sich dein Nervensystem gerade befindet – befindest du dich im Stresstoleranzfenster eher am oberen Rand oder am unteren Rand oder vielleicht sogar etwas außerhalb des Randes, d.h. über- oder untererregt? Nimm einfach wahr und bewerte nicht. Wenn sich während der Massage etwas aktivierend oder unangenehm anfühlen sollte, mach einfach eine Pause oder etwas ganz anderes…

Setze dich nun zunächst aufrecht und bequem angelehnt hin oder begib dich in die Rückenlage und stelle die Beine dabei optimalerweise an und dann kann es auch schon losgehen:

1. Schaue zunächst nach dem Zustand deiner Ohren bzw. nach dem Spannungszustand rund um deine Ohren herum – beginne bei einem Ohr und umfasse mit deinen Fingern die Ohrmuschel. Ziehe nun sanft an deinem Ohr, um festzustellen, wie sehr sich dein Ohr bewegen lässt… Fühlt es sich leicht, flexibel oder angespannt an? Nimm einfach wahr,

wiederhole das gleiche auf der anderen Seite und spüre nach, ob du Unterschiede fühlst.

2. Geh nun wieder zum ersten Ohr zurück und setze mit deinem Zeigefinger oben an der Ohrmuschel an, rutsche nun Richtung Nase nach vorne herunter als würdest du eine Wasserrutsche entlangrutschen – du landest dann in einer Kuhle, in der dein Zeigefinger ruhen kann und in der du ganz sanft in kleinen Kreisen dein Ohr massieren kannst. Der anatomische Name für diese Höhle ist Fossa triangularis. Übe nicht viel Druck aus, sondern massiere eher sanft, liebevoll und langsam – vielleicht spürst du eine Veränderung deiner Atmung, musst schlucken oder gähnen… Lass nun deine Hand sinken und spüre einen Moment nach – mache dann das gleiche auf der anderen Seite und massiere liebevoll die Kuhle des anderen Ohres… Lass nun deine Hand wieder sinken und spüre auch hier ein bisschen nach…

3. Nun massiere mit deinem Zeigefinger den Anfang deines Gehörganges – wende dafür deine Handfläche zu deinem Gesicht, so dass dein Zeigefinger nach hinten zeigt. Beginne nun am äußeren Eingang deines Gehörganges ganz sanft mit deinem Zeigefinger das Ohr nach hinten zu drücken – du kannst deinen Zeigefinger kreisen lassen, so dass du immer wieder von vorne deinen vorderen Gehörgang langsam massierst und dabei eine Bewegung machst, die wie eine kleine Abwärtsbewegung ist – lass deine Hand nun sinken und spüre einen Moment nach, geh dann zu deinem anderen Ohr. Lasse auch hier deinen Zeigefinger an deinem äußeren Gehörgang sanft kreisen, so dass ein leichter Druck in Richtung deines Hinterkopfes entsteht. Führe ganz langsam und behutsam deine Bewegungen durch.

Fühlt sich an deinen Ohren bereits etwas anders an als zu Beginn der Massage? Lockerer? Oder fester? Mit dieser Massage stimulierst du den Ramus auricularis, einen Zweig des Nervus Vagus, welcher die Haut der Ohrmuschel, des inneren Gehörganges sowie einen Teil des Trommelfells sensibel versorgt. Dieser Ast ist unter anderem dafür verantwortlich, dass bei Reizung des äußeren Gehörganges, zum Beispiel durch kaltes Wasser oder Fremdkörper, ein Hustenreiz entsteht. Über die sanfte Massage bekommt der Nervus Vagus ein Feedback, welches ihn anregt und zu einer Entspannungsreaktion führt.

Nun folgt der 2. Teil der Massage, bei dem wir uns um muskuläre Spannungen kümmern:

4. Umfasse nun dein Ohr – aber eher so, als wolltest du hineingreifen, als wolltest du dein Ohr nach hinten wegziehen – mach auch dies nicht mit Kraft, sondern entspannt und vorsichtig. Dann ziehe dein Ohr sanft ein bisschen nach unten, ziehe es dann sanft nach oben. Du kannst noch etwas in deinem Tempo fortfahren – in verschiedene Zugrichtungen – sanft und ohne Kraft. Spüre dann nach, wie sich die Seite deines Kopfes und dein Ohr jetzt anfühlt.

Wechsle dann erneut die Seite und greife in dein anderes Ohr – umfasse es mit Zeigefinger und Daumen und ziehe dann sanft erst nach unten und dann nach oben und dann in deinem Tempo in die verschiedenen Richtungen. Beobachte dabei das Fließen deines Atems.

5. Fasse nun mit deinem Zeige- und deinem Mittelfinger hinter dein Ohr an den Schädel, an den Bereich zwischen deinem Ohr und dem Haaransatz. Lege hier nun deine Finger auf und schiebe sanft deine Haut und die darunter liegende fasziale Struktur nach oben und halte sie dort, ohne Anstrengung – ganz entspannt und leicht, du übst nun eine sanfte Zugkraft nach oben aus. Als nächstes wechsle die Richtung und mache das gleiche, aber nach unten. Ziehe die fasziale Struktur sanft nach unten, deine Finger bleiben an der gleichen Stelle. Vielleicht entspannt sich dein Kiefer, vielleicht spürst du einen Atemzug oder es kommt das Bedürfnis auf, dich zu bewegen, dich zu recken und zu strecken. Ziehe nun die Haut und die fasziale Struktur nach hinten. Lasse deine Hand nun sanft sinken, spüre nach und wechsle dann erneut die Seite. Bewerte nicht, wenn es sich anders anfühlt als auf der anderen Seite – meistens sind die Seiten unterschiedlich.

Spüre nun noch einmal nach – wie fühlt sich der Bereich um dein Ohr, deinen Kiefer jetzt an?

Wie fühlt sich dein Gesamtzustand jetzt an?

Du kannst noch einmal beide Ohren in deine Hände nehmen und vergleichen wie sie sich im Vergleich zum Beginn der Übung anfühlen – lassen sie sich besser, leichter, weicher bewegen?

Solltest du gelegen haben, dann setze dich nun wieder auf und orientiere dich im Raum – wie fühlt sich dein Körper an und in was für einem Zustand befindet sich dein autonomes Nervensystem? Vielleicht (hoffentlich) fühlst du dich jetzt mehr in der Mitte deines Stresstoleranzfensters.

Nimm dir zum Schluss etwas Zeit, stehe nicht zu schnell auf und sei sanft und wohlwollend mit dir beim Übergang zu deinen alltäglichen Aktivitäten…

Selbstregulation

Selbstregulation als Grundlage für ein bewusstes, friedvolles Leben

Im Folgenden möchte ich zunächst eine einfache Basis-Übung zur Selbstregulation mit dir teilen, die du mehrmals am Tag durchführen kannst, um dich besser mit dir selbst zu verbinden und dich wieder ins Hier und Jetzt zu orientieren, insbesondere wenn du dich häufig gestresst oder angespannt fühlst. Dadurch kann sich deine Kapazität für schönes Erleben erhöhen.

Basis-Übung zur Orientierung im Raum

Zunächst einmal suche dir eine bequeme Position – das kann aufrecht stehend sein oder an der Wand gelehnt, sitzend oder sanft und langsam gehend. Deine Orientierung im Hier und Jetzt erfolgt über den Sehsinn sowie den sensorischen Sinn des Bewegens. Lasse nun langsam und behutsam deinen Blick in deinem Umfeld schweifen und folge mit deinem Kopf deinem Blick – so als wolltest du ein detailreiches Gemälde begutachten. Dein Kopf bewegt sich in die Richtung in die du blickst – dies führt zu einer Bewegung der Muskeln in deinem Hals, die wesentlich zur Orientierung beitragen. Die Orientierung wiederum signalisiert deinem Nervensystem Sicherheit – dein Parasympathikus wird aktiviert. Führe alle Bewegungen zeitlupenlangsam durch und ziehe alle Dimensionen (oben, unten, hinten) mit ein. Durch die Bewegung deiner Halsmuskulatur erfolgt eine Rückkopplung an deinen Vagusnerv – ein dem Hirnstamm entspringender Nerv, der essenziell wichtig für das Erleben von Verbundenheit und Sicherheit ist. Die Bewegung und die Orientierung wirken sich regulierend auf dein Nervensystem aus. Wenn du dich häufig gestresst oder unter Anspannung fühlst, kann dir diese Übung helfen. Führe die Übung solange durch, bis ein tiefer autonomer Atemzug aufsteigt, dann beende die Übung – spüre im Anschluss an die Übung nach, was sich vielleicht verändert hat im Vergleich zum Beginn.

,,Der Sturm wird immer stärker. Das macht nichts. Ich auch.“ (Astrid Lindgren – Pippi Langstrumpf)

Was ist Selbstregulation? Was ist Co-Regulation?

Nun noch ein paar weiterführende Erklärungen:

Grundlage für ein Leben in psychischer und physischer Gesundheit ist die Fähigkeit der Selbstregulation, das heißt die Möglichkeit, auf das eigene Nervensystem Einfluss zu nehmen und damit steuernd auf emotionale sowie körperliche Zustände einwirken zu können. Diese Fähigkeit ist essenziell wichtig, denn – je regulierter du bist – desto besser gelingt es dir mit deiner Aufmerksamkeit bei dem zu bleiben, worauf du dich konzentrieren möchtest.

Wir befinden uns dann innerhalb unseres Stresstoleranzfensters (s. auch hier meinen Artikel zum Vegetativen Nervensystem) und sind präsent. Meiner Meinung nach ist wahre Präsenz das Zahlungsmittel unserer Zeit, denn meistens befinden wir uns entweder gedanklich in der Zukunft oder in der Vergangenheit und erzeugen damit unbewusst Stress.

Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist uns jedoch nicht angeboren – als Babys und Kinder sind wir essenziell auf Co-Regulation durch unsere Bezugspersonen angewiesen – unser eigenes Nervensystem bzw. die Weite unseres Stresstoleranzfensters entwickelt sich erst nach und nach durch die immer wiederkehrende liebende Zuwendung durch einen beruhigend wirkenden Erwachsenen. Co-Regulation beschreibt also einen Vorgang, bei dem ein Mensch oder ein Tier mit einem regulierten Nervensystem einem anderen Menschen oder Tier hilft sich selbst zu regulieren bzw. zu beruhigen, beispielsweise also einfach, wenn eine Mutter ihr schreiendes Baby wiegt.

Die gute Nachricht: Auch wenn wir als Kinder nicht gut co-reguliert wurden (beispielsweise weil unsere Bezugspersonen das für sich selbst nicht gut konnten, da diese bereits traumatisiert waren) und unser Nervensystem durch ein schmales Stresstoleranzfenster ständig zwischen Über- und Unterregung pendelt, ist diese Fähigkeit auch später erlernbar – wenn wir bereit sind, uns unserem Inneren liebevoll zuzuwenden und damit in Kontakt zu treten, kann die Fähigkeit sich selbst zu beruhigen durch die Plastizität unseres Gehirns und neue Lernerfahrungen stetig verbessert werden.

Wenn du selbst nicht weiterkommst, kannst du dir für das Erlernen verbesserter Selbstregulation auch einen traumasensiblen Coach oder Therapeuten suchen – aus meiner Sicht ist es wichtig, dass am Anfang der Aufbau einer sicheren Beziehung steht und dass der Körper (der von dem durch Trauma ein dysbalanciertes Nervensystem betroffen ist) in die Arbeit mit einbezogen wird. Durch immer wiederkehrende Co-Regulation (durch deine/n Begleiter/in) erlernst du Selbstregulation und gelangst so zurück zu Selbstermächtigung.

Selbstregulation zu erlernen ist eigentlich Körperarbeit – denn es bedeutet, immer besser die eigenen vegetativen Zustände einordnen und in der Folge auch beeinflussen zu können – ist eher mein Sympathikus (hilft beim Fliehen oder Kämpfen in anstrengenden und gefährlichen Situationen) oder mein Parasympathikus (aktiv beim Ausruhen, Schlafen oder bei Entspannungspausen) gerade aktiv bzw. bin ich gerade über- oder untererregt? Welcher vegetative Zustand verbirgt sich hinter meiner Kompensationsstrategie?

Suchthaftes Verhalten (z.B. übermäßiges Essen, Alkohol, Handy, Macht, Geld etc.) sind häufig Kompensationsstrategien, um sich von inneren Spannungszuständen abzulenken – man könnte dies auch als unzweckmäßige Selbstregulation bezeichnen, da wir uns damit natürlich auf Dauer nichts Gutes tun.

Je besser wir uns aber selbst regulieren können und selbst kennenlernen, desto besser können wir auch anderen Menschen guttun und desto eher gelingt es uns sogar vielleicht als Gesellschaft auch irgendwann, Phänomene systemischer und kollektiver Traumatisierungen (Krieg, transgenerationale Traumatisierungen, Rassismus etc.) ganz zu durchbrechen. Und das ist doch wirklich ein lohnenswertes Ziel…

,,Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ (Mahatma Gandhi, 1869-1948)

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Achtsamkeit oder die Macht des Projektors in deinem Kopf

Wir leben in durchaus stürmischen Zeiten, in Zeiten der Transformation. Viele Themen können Ängste in uns triggern, polarisieren und zu zwischenmenschlicher Spaltung führen – Corona, Klimawandel, Inflation, Krieg… Wie schaffen wir es, bei uns zu bleiben, nicht in Panik zu verfallen und erst recht nicht unser Gegenüber anzugreifen? Angst ist meist eine unhinterfragte Projektion der Zukunft, ein Konstrukt, das nur in deinen Gedanken besteht und mit dem Hier und Jetzt in aller Regel wenig zu tun hat (es sei denn es steht tatsächlich ein hungriger Tiger vor dir).

,,In meinem Leben habe ich unvorstellbar viele Katastrophen erlitten. Die meisten davon sind nie eingetreten.“ (Mark Twain, 1835-1910)

Schau dich einmal dort um, wo du dich gerade befindest – was siehst du, was hörst du – jetzt? Schließe die Augen und öffne sie wieder – versuche präsent zu sein – gibt es jetzt, jetzt in diesem Moment irgendein Problem? In Wahrheit haben wir doch immer eine Wahl, die Wahl unserer Aufmerksamkeitslenkung und des Einnehmens einer Metaebene – denn du bist weder deine Gedanken, noch deine Gefühle – du bist das Bewusstsein, das dies alles wahrnehmen und beobachten kann. Das bedeutet Achtsamkeit – Achtsamkeit bedeutet, immer öfter aussteigen zu können aus deinem inneren Film und dich wieder im Hier und Jetzt verankern zu können. Durch deinen Körper, deine Sinneswahrnehmungen.

Deine Gedanken sind wie Wolken am Himmel. Sie kommen und gehen wieder vorbei.

Genauso ist es mit deinen Emotionen, die meistens ein Produkt deiner (auch unbewussten und unhinterfragten) Gedanken sind und umgekehrt. Je achtsamer wir werden, desto bewusster werden wir auch und desto eher kann es uns gelingen eine Pause zwischen Reiz und Reaktion zu setzen. Und dann können wir uns immer öfter fragen, ob wir nicht lieber aus unserer selbst gewählten Ohnmacht, unserem stressigen ,,Film“ aussteigen wollen um in einen anderen ,,Film“ zu springen. Gibt es auch noch andere Perspektiven? Möchte ich mich jetzt selber so mit meinen eigenen Gedanken stressen? Wunderbar verständlich erklärt das Daniele Ganser, ein Schweizer Historiker und Friedensforscher in folgendem Video:

Durch Übung in Achtsamkeit wird es uns als Menschheit auch eher möglich, Frieden zu bewahren und eben nicht in die Spaltung zu gehen, denn (wie Daniele Ganser ausführt) wir übernehmen die volle Verantwortung für unsere Gedanken und Gefühle. Beobachte also, was dein Gegenüber in dir auslöst und in welchen ,,Film“ du durch deinen Mitmenschen katapultiert wirst. Denn, auch wenn das echt schwer zu verinnerlichen ist: Nichts von dem was andere Menschen tun oder sagen hat etwas mit dir zu tun – es hat primär etwas mit Ihnen zu tun. Wenn sie dich mögen, ist das ihre Sache und wenn sie dich nicht mögen ist das auch ihre Sache.

Ein Beispiel (etwas, das mich zum Beispiel immer noch sehr triggert):

Dein Gegenüber findet, es sei eine gute Idee eine staatliche Impfpflicht einzuführen und damit in die körperliche Unversehrtheit der Bürger einzugreifen.

Zugegeben (auch aus meiner heutigen Sicht) schon ein ziemlich verwegener und, wie ich finde, durch und durch übergriffiger Gedanke. Du beobachtest, wie Wut in dir aufsteigt, die Gedanken beginnen zu rasen, dein Sympathikus wird aktiv und versetzt dich blitzschnell in einen Kampfmodus, Energie wird bereitgestellt. In diesen Momenten sollten wir achtsam sein und beobachten was der andere in uns getriggert hat. Das bedeutet nicht, dass wir uns selbst verlassen müssen, nicht unsere Meinung sagen dürfen und erst recht nicht, dass wir uns nicht wehren dürfen wenn wir angegriffen werden – es bedeutet primär, nicht auszuagieren, nicht in die Spaltung zu gehen, im schlimmsten Fall dem anderen nicht das Recht auf Leben zu verwehren – ja so schlimm kann es kommen, wenn wir nicht zuerst bei uns gucken. Auch Krieg ist eine Geisteskrankheit, eine sichtbar gewordene Spaltung, die auf kollektive Unbewusstheit zurückzuführen ist. Wenn wir denken, dass allein unser Gegenüber durch diese oder jene Überzeugung schuld ist, liegen wir meistens falsch. Denn du bist getriggert, du bist so verletzt. Bleibe ruhig und wundere dich beispielsweise über die Ansichten deines Gegenübers – wie interessant, dass du der Meinung bist… Wundere dich viel und oft, das ist immer gut. Wundere dich und dann beobachte deine Umgebung und stelle fest, was wirklich im Moment präsent ist und ob du es schaffst dich wieder im Hier und Jetzt zu verankern.

Hier sind die vier Spiegel-Gesetze (von Also Berti)

1. Spiegel-Gesetz

Alles was mich am anderen stört, ärgert, aufregt oder in Wut geraten lässt und ich anders haben will, habe ich selbst in mir. Alles was ich am anderen kritisiere oder sogar bekämpfe und verändern will, kritisiere, bekämpfe oder unterdrücke ich in Wahrheit in mir und hätte es gerne anders.

2. Spiegel-Gesetz

Wenn der andere mich kritisiert, bekämpft und verändern will und ich mich deswegen verletzt fühle, so betrifft es mich – ist dies in mir noch nicht erlöst. Meine gegenwärtige Persönlichkeit fühlt sich beleidigt – der Egoismus ist noch stark.

3. Spiegel-Gesetz

Alles was der andere an mir kritisiert und mir vorwirft oder anders haben will und bekämpft und mich dies nicht berührt, ist sein eigenes Bild, sein eigener Charakter, seine eigenen Unzulänglichkeiten, die er auf mich projiziert.

4. Spiegel-Gesetz

Alles, was mir am anderen gefällt, was ich an ihm liebe, bin ich selbst, habe ich selbst in mir und liebe dies im Anderen. Ich erkenne mich selbst im Anderen – in diesen Angelegenheiten sind wir eins.

,,Die projizierte Welt kannst du nicht ändern, wohl aber den Projektor, den Verstand. Achte einfach darauf, wann die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten. Du musst das nicht erst mühsam herausfinden. Es gibt ein eingebautes Signal, das dich darauf aufmerksam macht – es heißt Stress.“ (Byron Katie)

Und sei auch vorsichtig mit deinem Gegenüber, weil du im Grunde nichts weißt. Du weißt nicht, warum jemand so ist wie er sich dir präsentiert. Ein elementarer Grundsatz des Hippokratischen Eides (eine ethische Richtlinie für Ärzte) besagt: Primum nil nocere, secundum cavere, tertium sanare, was soviel bedeutet wie: Zuallererst nicht schaden, zweitens vorsichtig sein und erst drittens heilen. Achte also zum Beispiel schon auf deine Worte, denn auch Worte können verletzen – die Seele.

Achtsamkeit ist aus meiner Sicht eine wichtige Säule nicht nur für die Integration eigener verletzter Anteile, sondern auch elementar wichtig für die Aufrechterhaltung von Frieden. Viele Krankenkassen bieten Zuschüsse bei Präventionskursen an, in denen man Achtsamkeit lernen kann. Ein sehr bekannter und wissenschaftlich gut untersuchter Kurs, in dem man Achtsamkeit lernen kann, ist MBSR – mindfulness-based-stress-reduction, ein Programm, was auf den Grundlagen buddhistischer Achtsamkeitsmeditation beruht und was zum Beispiel auch helfen kann, besser mit Schmerzen und Krankheit umzugehen.

Bei zertifizierten Anbietern gibt es in aller Regel eine Kostenbeteiligung durch deine Krankenkasse.

Schau einmal hier:

https://www.mbsr-verband.de/

Hast du Fragen – melde dich gerne bei mir und hab viel Freiheit, Licht und Liebe!

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen,

und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.

Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit.

Wenn Heckenrosen und Holunder blühen,

– dass Amseln flöten und dass Immen summen,

dass Mücken stechen und dass Brummer brummen,

dass rote Luftballons ins Blaue steigen,

dass Spatzen schwatzen und dass Fische schweigen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht,

und dass die Sonne täglich neu aufgeht,

dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter

gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter.

Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehen,

man kann nicht alles mit dem Kopf verstehen.

Ich freue mich, das ist des Lebens Sinn,

ich freue mich vor allem, dass ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:

die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt.

An solchem Tag erklettert man die Leiter,

die von der Erde in den Himmel führt.

Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,

weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.

Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne

und an das Wunder niemals ganz gewöhne,

dass alles so erstaunlich bleibt und neu.

Ich freue mich, dass ich… dass ich mich freu.

Mascha Kaléko (1907-1975)

Bitte, nenne mich bei meinem wahren Namen

Sag nicht, dass ich morgen scheide – denn ich bin noch gar nicht ganz da.

Schau: Jede Sekunde komme ich an, um zu werden

die Knospe am Frühlinszweig,

ein kleiner Vogel mit Flügeln, die noch nicht tragen,

im neuen Nest lern ich gerade erst singen,

eine Raupe im Herzen der Blume

und ein Juwel, verborgen im Stein.

Ich komme gerade erst an, um zu lachen und zu weinen,

mich zu fürchten und zu hoffen.

Der Schlag meines Herzens ist die Geburt und der Tod von allem, was lebt.

Ich bin die Eintagsfliege, die vielgestaltig schillert auf der Oberfläche des Flusses.

Bin auch der Vogel, der gerade noch rechtzeitig kommt,

die Fliege zu schnappen.

Ich bin der Frosch, der ganz zufrieden im klaren Wasser

des Teichs hin- und herschwimmt,

und bin die Schlange, die geräuschlos sich nähernd

vom Froschfraß lebt.

Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen

mit Beinen so dünn wie Stöcke aus Bambus

und ich bin der Kaufmann, der tödliche Waffen

nach Uganda verkauft.

Ich bin das zwölfjährige Mädchen, Flüchtling in einem kleinen Boot,

das sich in den Ozean wirft, nachdem es von einem Seepiraten vergewaltigt wurde.

Und ich bin der Pirat, mein Herz ist noch nicht fähig, zu sehen und zu lieben.

Ich bin ein Mitglied des Politbüros mit reichlich Macht in meinen Händen,

und ich bin der Mann, der seine ,,Blutschuld“ an sein Volk zu zahlen hat,

langsam sterbend in einem Arbeitslager.

Meine Freude ist wie der Frühling,

so warm, dass sie die Blumen in allen Lebensformen erblühen lässt.

Mein Schmerz ist wie ein Fluss von Tränen, so voll, dass er die vier Meere füllt.

Bitte sprich mich mit meinem wahren Namen an, damit ich aufwachen kann,

und das Tor meines Herzens offenbleiben kann.

Das Tor des Mitgefühls.

(Thich Nhat Hanh)

Praktisches, Selbsthilfe, Was tun bei…, Aromatherapie, Wickel und Auflagen, Naturheilkunde Lavendel-Herz-Auflage

Lavendel-Herz-Auflage

Wenn wir Stress empfinden, ist wahrscheinlich gerade der sympathische Anteil unseres vegetativen Nervensystems (schau auch hier meinen Artikel zum vegetativen Nervensystem) aktiv. Alle Organfunktionen wie Atmung, Herzfrequenz, Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, Verdauung, Hormonsystem und Blutdruck werden Tag und Nacht vom vegetativen (autonomen) Nervensystem gesteuert. 

Wickel und Auflagen stellen wichtige Bestandteile der Naturheilkunde dar und eignen sich hervorragend zur Selbstfürsorge.

Das ätherische Öl des Lavendels trägt sehr zum Ausgleich des vegetativen Nervensystems bei. Generell können Pflanzen Menschen in emotionalen Momenten beistehen, als Tee oder Öl in einer Duftlampe oder eben als Auflage oder Wickel. Lavendel wirkt antidepressiv, beruhigend und aufbauend, es kann vor allem einen Ausgleich schaffen, wenn eine nervöse Überreiztheit besteht 

,,Wie jeder Wickel seinen Namen trägt, so hat er auch seine eigene Wirkung. Und wie die Wickel ganz verschieden voneinander sind, so sind auch die Wirkungen verschieden. Doch darin stimmen alle überein, dass sie auflösen, die kranken Stoffe selber aufnehmen, ausleiten und so die Natur verbessern.“ (Sebastian Kneipp)

Eine Lavendel-Herz-Auflage ist hilfreich bei folgenden Symptomen/Zuständen:

  • Bluthochdruck (hierdurch kann der Blutdruck allein um 20 mmHg gesenkt werden)
  • erhöhtem Puls
  • innerer Unruhe
  • Angst- und Panikattacken
  • Ein- und Durchschlafstörungen

Und so wird’s gemacht: 

Reibe die Herzgegend mit Lavendelöl (10%iges z.B. von Weleda oder WALA) ein und tauche ein Geschirrtuch in kaltes Wasser, wringe es aus und falte es in DinA4 Größe. Danach lege das nasse Geschirrtuch aufs Herz und decke es mit einem Frotteetuch ab.

Anwendungsdauer: mind. 30 Minuten

Alternative Art der Durchführung:

Ein dünnes Innentuch (z.B. ein Baumwolltuch) mit ca. 4-8 Tropfen Lavendelöl (10%iges) beträufeln, das Tuch erwärmen und auf den Brustkorb legen. Darüber ein oder zwei größere Tücher anordnen, z.B. ein Wolltuch oder dickeres Frotteetuch. 

Eine praktische Alternative (allerdings auch nicht ganz preiswert) sind die vorgefertigten Schlafschön Wickel Rose und Lavendel von Wachswerk. Atembeschwerden können mit dem Husten/Brust Wickel (mit Thymian) gelindert werden. Schau einmal hier: 

https://www.wachswerk.de/

Hab viel Freiheit, Licht und Liebe!

Vegetatives Nervensystem

Über die Entstehung unserer inneren Heimat als Folge unserer individuellen Entwicklung

Wenn wir uns gut um uns selbst kümmern wollen, ist meiner Meinung nach das hauptsächliche Ziel, einen Ort in uns zu kreieren, an dem wir uns ganz sicher und zu Hause fühlen, an dem wir mit uns selbst verbunden sind. Desto mehr wir mit uns selbst verbunden sind, desto eher können wir auch erkennen wenn gesamtgesellschaftlich Dinge in die falsche Richtung laufen. 

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz versucht in folgendem sehr sehenswerten  Interview zu erklären wie es dazu kommen kann, dass latente in jedem vorhandene Ängste aufbrechen und nach Außen projiziert werden, wie es im Rahmen der Corona-Krise auf verschiedenen Ebenen der Fall gewesen ist:

Wie ich in meinem Artikel über die Förderung der Selbstheilungskräfte schon erklärt habe, entstehen Symptome oder Erkrankungen erst dann, wenn das Maß unserer individuellen Kompensationsmöglichkeiten überschritten ist. Symptome an sich sind nicht krankhaft – sie zeigen uns nur, dass unsere Lebensenergie nicht mehr frei fließen kann bzw. an einer Stelle blockiert ist. 

Sehr wichtig ist, dass wir nicht ständig aus unserem individuellen Stresstoleranzfenster fallen, das heißt, dass unser Nervensystem nicht ständig in einen dysregulierten (entweder Über- oder Untererregung) Zustand gerät. Das Stresstoleranzfenster ist ein Begriff, der von dem Professor für klinische Psychiatrie Daniel J. Siegel geprägt wurde. Prof. Siegel hat vor allem erforscht, wie sich das kindliche Gehirn im Kontext von Bindungserfahrungen entwickelt – je ungestörter unsere frühkindliche Entwicklung verläuft, desto weiter und stabiler wird unser individuelles Toleranzfenster, das heißt desto leichter können wir auf Reize reagieren, ohne dass unser vegetatives Nervensystem aus der Balance gerät. In diesem Sinne ist es nicht egal wie wir geboren werden, und es ist extrem wichtig, dass wir in den ersten Jahren unseres Lebens gut co-reguliert und gespiegelt werden.

,,Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du.“ (Martin Buber)

Das vegetative Nervensystem 

Neuroanatomie bzw. Neurobiologie ist sehr spannend, denn Wissen ermöglicht uns zu einem gewissen Grad, uns selbst und unsere Emotionen besser zu verstehen und anzunehmen und dadurch auch mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. 

Das menschliche Nervensystem wird grob vereinfacht in ein zentrales und ein peripheres Nervensystem unterteilt. Zum zentralen Nervensystem zählen das Gehirn und das Rückenmark, das periphere Nervensystem wird in das vegetative und das somatische Nervensystem unterteilt. Um die Entstehung von Stress besser verstehen zu können, ist es hilfreich, zumindest in Ansätzen die Funktionsweise des vegetativen Nervensystems zu begreifen – dieses Nervensystem ist unserer willentlichen Kontrolle entzogen. Dies ist auch insofern sehr sinnvoll, als es in Anbetracht großer Gefahr nicht dem Überleben dienen würde, lange Zeit dafür aufzubringen auf Verstandesebene eine Reaktion abzuwägen – daher wird dieser Teil des Nervensystems also auch als autonom genannt. Welche Dinge wir allerdings als potenziell gefährlich wahrnehmen bzw. was unser autonomes Nervensystem in Alarmbereitschaft (auch unbewusst) versetzt, hängt von unseren individuellen Lebenserfahrungen ab. 

,,Safety is the presence of connection.” (Stephen Porges)

Vegetatives Nervensystem – Sympathikus und Parasympathikus

Nehmen wir an wir haben durch gute Bindungserfahrungen während unserer Entwicklung ein relativ weites Stresstoleranzfenster entwickeln können, dann unterliegt unser vegetatives Nervensystem ganz natürlich im Tagesverlauf Schwankungen zwischen An- und Entspannung, wir fühlen uns aber insgesamt trotzdem in Sicherheit und sind in der Lage die Herausforderungen des Alltags zu meistern. Wir schwanken ganz natürlich innerhalb unseres Fensters zwischen dem sympathischen (aufladendem) und dem parasympathischen (entladendem) Anteil unseres vegetativen Nervensystems hin und her. Dabei ist Sicherheit immer ein sehr subjektives Erleben. 

Der sympathische Anteil ist grob vereinfacht dargestellt dafür zuständig, uns in Handlungsbereitschaft zu versetzen und Energie zu mobilisieren. Er erfüllt überlebenswichtige Aufgaben, wenn es um die Bewältigung von Gefahren geht, indem er bei entsprechendem Stress blitzschnell Energie für Kampf und Flucht bereitstellt.

In Ruhe und Entspannung übernimmt der parasympathische Anteil unseres Nervensystems die Führung. Der 10. Hirnnerv ist der Nervus Vagus und ein essenzieller Bestandteil dieses parasympathischen Systems. Er wird nochmals unterteilt in einen ventralen (vorderseitigen) und einen dorsalen (rückseitigen) Vagus. Stephen Porges ist Begründer der Polyvagaltheorie. Laut Porges ist dieser Teil unseres Nervensystems essenziell wichtig für das Verständnis der Entstehung von Trauma. Diese Dinge sind sehr komplex, daher werde ich sicher bald mal einen ganzen Artikel zum Nervus Vagus schreiben. Wichtig ist zunächst, dass du verstehst, dass jedes Individuum zwischen sympathischem und parasympathischem Anteil des autonomen Nervensystems im Tagesverlauf hin- und herschwankt. Auch die Körperfunktionen wie Atmung, Herzfrequenz und Stoffwechsel werden vom autonomen Nervensystem gesteuert.

Dysreguliertes Nervensystem als Folge von Trauma – alles was du fühlst ergibt Sinn

Dein Körper (und damit auch dein Nervensystem) versucht immer, dich in einer natürlichen Homöostase (einem inneren Gleichgewicht) zu halten. Man könnte das Leben auch als eine Art Fluss betrachten, und bei jedem Menschen treten während der Entwicklung eine unterschiedliche Anzahl und Schwere von Steinen im Flussbett auf, die den weiteren Fluss der Lebensenergie behindern können. Es handelt sich also um entwicklungsspezifische Herausforderungen oder (eher negativ ausgedrückt) um Entwicklungstraumata. Ist unser individuelles Stresstoleranzfenster eher eng, so können wir trotzdem aufgrund von individuellen Ressourcen dafür sorgen, dass unser Nervensystem nicht dauerhaft in einen nicht regulierten Zustand gerät. Als nicht reguliert sind Zustände zu bezeichnen mit extremer Über- oder Untererregung (wenn also der sympathische oder parasympathische Teil unseres Nervensystems unkontrolliert die Führung übernimmt). Bei Übererregung kann es zu Anspannung, Panik, Wut, Abwehr oder sogar Manie kommen, bei Untererregung zu Depression, Apathie und einem Gefühl des dauerhaften Abgeschnittenseins. Wir fühlen uns dann nicht mehr lebendig. Ein dysreguliertes Nervensystem kann sich insbesondere dann entwickeln, wenn in unserem Lebensflussbett schon viele Steine aus unserer Entwicklung liegen und aufgrund von zunehmendem Stress oder einem erneutem Trauma unsere Ressourcen nicht mehr ausreichen, um dauerhaft in einem balancierten Zustand zu bleiben.  Das Tolle ist aber, dass du im Laufe deines Lebens ständig deine Ressourcen vergrößern kannst, um so an individueller Stärke und Resilienz (Elastizität) zu gewinnen, das heißt wir haben immer die Möglichkeit, wieder in unseren ,,normalen“ Lebensfluss zurückzukehren, indem wir traumatische Erfahrungen integrieren, das heißt die blockierte Lebensenergie wieder ins Fließen bringen. 

Stärke deine Ressourcen

Jede Sache, Person, Tat, Fähigkeit, die in Zeiten der Not unterstützend wirkt und Stärkung/Hilfe anbietet bzw. ermöglicht, ist eine Ressource und kann dir helfen, nach belastenden Ereignissen wieder in den normalen Lebensfluss zu gelangen und vielleicht noch stärker zu werden, also dein individuelles Stresstoleranzfenster zu weiten und so ein integriertes Selbstgefühl zu behalten. Vielleicht erkennen wir dann rückblickend auch einen Sinn in allem und können uns immer öfter so sein lassen wie wir sind. 

Selbstfürsorge und Selbstverantwortung können auch dazu beitragen, dass du in ,,schlechten“ Zeiten bei dir bleibst – denn ich bin mir sicher: Das Leben ist für und nicht gegen uns. 

Ich hoffe, dass du durch meinen Artikel ein wenig Einblick in die Entstehung deiner Emotionen und damit auch deines Verhaltens gewinnen konntest und so vielleicht auch mehr Verständnis für dich entwickeln kannst – letzten Endes ergibt alles, was du fühlst Sinn, dein Gehirn ist aber auch plastisch und kann sich Zeit deines Lebens verändern – wenn du also zum Beispiel an einer Depression erkrankt bist, heißt das nicht, das dieser Zustand so bleiben wird… Du kannst immer wieder aufstehen und dein Gehirn kann dazulernen!

In diesem Sinne – hab viel Freiheit, Licht und Liebe! 

Gedicht von Kwabena Foli

Hier eines meiner Lieblingsgedichte des multidisziplinären Künstlers Kwabena Foli:

you don`t have to love yourself 

in order for me to love you back/

you must love yourself in order 

to receive the love I`m giving you

Nur wenn wir uns selber lieben oder vielmehr wertschätzen (auch mit unseren Schattenanteilen, mit dem was keiner sehen darf – allem verletzten, unperfekten) gelingt es uns uns für das Wunder des Lebens zu öffnen. Niemand ist jemals nur gut oder schlecht. 

Die Welt hört dann auf zerrissen zu sein in Gut und Schlecht und das Leiden wird weniger, weil unser Widerstand gegen scheinbar Schlechtes abnimmt. So wünsche ich dir heute auch deinen eigenen Schatten mit Wertschätzung zu begegnen, sie zu integrieren – dann hört die Angst auf und die Dinge beginnen sich zu wandeln. Widerstand gegen das was wir sind frisst unsere Energie.

Wir sind immer alles – zerbrochen und ganz.

Selbstheilungskräfte aktivieren

Selbstheilungskräfte aktivieren

Dein Körper ist ein Wunderwerk und stets auf die Aufrechterhaltung der inneren Homöostase (Gleichgewicht) bedacht, gleichzeitig aber auch stress-sensibel und störanfällig. Krankheit (oder Symptome) entsteht aber erst dann, wenn die Summe der auf den Körper und auf die Psyche einwirkenden (krankmachenden) Reize unsere individuellen Kompensationsmöglichkeiten übersteigt. Diese Kompensationsmöglichkeiten sind von Mensch zu Mensch sehr verschieden und entstehen aus der Zusammensetzung verschiedener Faktoren, wie

  • der genetischen Disposition
  • der epigenetischen Prägung 
  • der eigenen Biographie bzw. biographischer Ereignisse
  • toxischen Belastungen
  • Fehlernährung
  • mikrobiologischen Einflüssen
  • Stress
  • Somatischen Veränderungen

Wir entwickeln Symptome, wenn das Fass überläuft bzw. das Ausmaß unserer individuellen Kompensationsmöglichkeiten überschritten wird. In diesem Verständnis ist Krankheit also nie monokausal, sondern ganzheitlich zu verstehen. Eine Krebserkrankung betrifft nicht nur ein Organ, sondern das gesamte System, also den ganzen Menschen. Dieses Bild steht entgegen der heutigen Schulmedizin, die oft sehr spezialisiert ist und auf einer Ebene behandelt. Naturheilkunde kann dazu beitragen, dass deine Selbstheilungskräfte, die in jedem von uns jederzeit (oftmals außerhalb unserer Wahrnehmung) arbeiten, auf unterschiedlichen Ebenen aktiviert werden. Sie beinhaltet die Ernährungs-/Fastentherapie, die Hydrotherapie (Wasseranwendungen), Bewegungstherapie, Ordnungstherapie (Mind-Body-Medizin), Phytotherapie sowie regulierende Verfahren.

,,Die ärztliche Kunst besteht darin, den Prozess der Selbstheilung zu unterstützen – auf körperlicher Ebene ebenso wie auf psychischer Ebene. Denn beide sind untrennbar miteinander verbunden.“ (Gerald Hüther)

Ein guter Arzt oder Therapeut ist sicher viel wert, noch wertvoller ist es aber, den eigenen inneren Heiler zu entdecken und in die Eigenverantwortung zu gehen. Sehr interessant finde ich zum Beispiel, dass im Rahmen von Psychotherapie die eigentliche Methode (also ob du nun Verhaltenstherapie oder eine systemische Therapie machst oder oder) nur 15% des Heilerfolges ausmacht. Viel wichtiger ist, ob dir im Rahmen der Therapie Empathie entgegengebracht wird, ob dir der Therapeut also sympathisch ist. Wenn nicht – lass es lieber oder such so lange nach jemandem, bis derjenige ein gutes Gefühl in dir hervorruft.

Aber nun zurück zu unserem eigenen inneren Heiler – wusstest du zum Beispiel, dass du schon mit 15 Minuten Bewegung/Tag positive Effekte für deine Gesundheit erzielen kannst?

Unser Körper tut immer sein Bestes und wir sollten ihn liebevoll bei seiner Arbeit unterstützen, denn die Stärkung unseres Immunsystems auf unterschiedlichen Ebenen ist die beste Krankenversicherung. 

Wichtig ist auch, dass wir unsere internale Kontrollüberzeugung stärken, um unsere Selbstständigkeit zu fördern. Dies bedeutet, dass wir (im Gegensatz zur externalen Kontrollüberzeugung) nicht davon ausgehen, dass unsere eigene Gesundheit reines ,,Schicksal“ ist, sondern dass ein Ereignis (zumindest teilweise) die unmittelbare Konsequenz unseres Verhaltens ist, dass wir also selbst unsere Lebenswirklichkeit mitgestalten können.

Selbstheilungskräfte auf unterschiedlichen Organebenen des Körpers 

Ist unser allgemeines Energielevel herabgesetzt und sind wir häufig müde, erschöpft und infektanfällig, so ist es sehr wichtig, nicht nur einen allgemeinen Blick auf unser Immunsystem zu werfen, sondern speziell unterschiedliche Organebenen zu betrachten – allem voran unseren Magen-Darm-Trakt. Denn heute wissen wir, dass der Darm über 80% aller Immunzellen beherbergt und dass eine kranke Darmflora (eine sogenannte Dysbiose) zu einer Erkrankung des gesamten Organismus wesentlich beiträgt. Der Darm ist mit einer Gesamtfläche von 300-500 qm unsere Hauptkontaktfläche zur Umwelt. Eine intakte Darmflora reguliert den Fettstoffwechsel, baut lebenswichtige Vitamine auf (beugt so Nährstoffmangel auf Zellebene vor) und baut Gifte und Krankheitserreger ab. Hier liegt also ein wichtiger Schlüssel, wenn wir unsere Selbstheilungskräfte zum Beispiel durch gezielte Ernährung unterstützen wollen. Auch eine Entlastung in Form von Fasten kann die Qualität und Effizienz unserer Selbstheilungskräfte verbessern. Der Darm ist ein wirklich sehr faszinierendes Organ und füllt bereits Bücher mit medizinischem Wissen – hierüber bald mehr. Wichtig ist nur, dass du zunächst weißt, wie eng der Darm mit unserer körperlichen, aber auch seelischen Gesundheit (über die sogenannte Darm-Hirn-Achse) in Verbindung steht. Auch auf der Ebene der Leber können wir viel für uns tun – denn die Leber ist nicht nur das Entgiftungsorgan und schützt mit dieser Funktion den gesamten Körper vor schädlichen Substanzen, sondern auch Speicher für Glukose, Vitamine und Mineralien. Darüber hinaus gilt sie in verschiedenen Kulturen als Sitz der Gefühle. Die Fettverbrennung ist eher anstrengend für die Leber, daher wäre zum Beispiel eine Idee einmal die Woche die Leber vormittags zu entlasten und nur Obst und Gemüse zu essen.

,,Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ (Galileo Galilei)

Jeder Mensch besitzt eine ihm innewohnende Weisheit, eine innere Stimme oder Intuition. Oft genug ist diese innere Stimme aber von äußerem Geplapper überlagert – wir trauen dann im Hinblick auf unsere Gesundheit mehr irgendwelchen Experten oder Professoren als unserem eigenen gesunden Menschenverstand, obwohl wir uns selbst am besten kennen und unsere Selbstheilungskräfte mächtiger sind als wir für möglich halten. 

Hör nicht auf Ärzte oder Therapeuten, die dir Dinge erzählen, die sich für dich im Inneren nicht stimmig anfühlen oder die dir am Ende sogar erzählen wollen, du seist ,,austherapiert“. Wenn du so jemanden triffst, dann meide denjenigen wie die Krankheit selbst, denn so etwas gibt es nicht – hör auf deine eigene Intuition und fang an, dich so gut es geht um dich selbst zu kümmern, dann wirst du selbst dein bester Arzt. Der Mensch ist in die Rhythmen der Natur eingebunden und die Natur versucht so gut wie möglich uns bei unserer Potentialentfaltung zu unterstützen. Eine rhythmische Alltagsgestaltung hilft daher beim Wohlergehen: regelmäßige Zeiten zum Entspannen, Essen, Schlafen, Arbeiten oder zum Verweilen in der Natur.

Auch die Liste der Therapieformen, um deine Selbstheilungskräfte zu fördern, ist lang: Yoga, Osteopathie, Manuelle Therapie, Aktivierung der Atmung, Methoden zur Tiefenentspannung etc. – suche dir das für dich Passende heraus.

Ähnlich der Krankheitsentstehung können wir aber auch untersuchen, wie Gesundheit entsteht bzw. was dazu beiträgt, dass wir uns gesund ,,fühlen“ und auch nach schweren Schicksalsschlägen bzw. Krankheit den Mut nicht verlieren. Aaron Antonovsky war ein Medizinsoziologe und begründete den Begriff der ,,Salutogenese“. Bei der Salutogenese (also der Erklärung zur Entstehung von Gesundheit) kommt es ganz wesentlich darauf an, ob das, was wir erleben, als sinnhaft empfunden wird. Wenn wir nach der Botschaft einer Erkrankung fragen und nicht in der Opferhaltung verharren, fällt es uns leichter, selbstwirksam Schritte zu initiieren, um in die natürliche Ordnung der Natur zurückzukehren.

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Freude bei der Entdeckung deiner Selbstheilungskräfte – auch wenn ich dich nicht aus deiner Eigenverantwortung entlassen werde, unterstütze ich dich gerne, wenn du weitere Fragen hast oder einfach nur in Kontakt treten möchtest.

Hab viel Freiheit, Licht und Liebe!

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